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Ein Notfall kommt selten allein

by Christina Decken

Wer gerne mal die in Welt des Rettungsdienstes und der Notaufnahme reinschnuppern möchte, ist hier richtig...mal lustig, mal traurig, mal ernst, meist absurd.

Viel Spass beim Lesen!

 

Geschichten aus dem Rettungsdienst
Die eskalierte KTW Fahrt

Ich befand mich kurz vor dem Ende meiner Ausbildungszeit im Rettungsdienst, wusste also schon grob was ich da tat und sollte nun einen KTW Bereitschaftdienst mit unserem Jüngsten fahren. Was heißt das?
Ein KTW, also KrankenTransportWagen, ist ein Fahrzeug mit minimaler Ausstattung, das darauf ausgelegt ist einen Menschen von A nach B zu bringen, ohne ihn dabei retten oder am Leben halten zu müssen (sonst würde er nämlich in einen RTW, RettungsTransportWagen, gehören). Unser Jüngster, nennen wir ihn Patrick, war frisch von der Rettungsschule, war zarte 18 Jahre alt und hatte noch keinen Führerschein. Jetzt ist das halb so wild, da auf einem KTW ein Rettungssanitäter (3 Monate Ausbildung in NRW) völlig ausreicht. Also war es meine Aufgabe den 3,5-Tonner durch die Nacht zu lenken und Patrick durfte neben dem Patienten sitzen und Papierkram machen.
Wäre ja alles halb so wild und auch nur bis 22 Uhr gegangen, wäre da nicht diese Meldung von der Leitstelle gekommen: "Einweisung ins Krankenhaus, C2-Abusus seit 3 Tagen, fahrt mal gucken." Also sah der Plan vor, einen betrunkenen Menschen einzusammeln und in die Klinik zu bringen.

In der idyllischen ruhigen Nacht treffen wir am Zielort ein. Aus einem Auto vor uns steigen ein Mann und eine Frau und kommen auf unser Fahrzeug zu. Meine erste Skepsis bildet sich, aber die beiden sehen weder betrunken noch gefährlich aus. "Schönen guten Abend, Decken mein Name. Was können wir für Sie tun?"
Es ist der Mann, der uns antwortet: "Meine Frau ist oben in der Wohnung, sie trinkt seit 3 Tagen Alkohol und ist ganz komisch. Heute hat sie versucht meine 8-jährige Tochter und mich mit dem Messer zu erstechen." Entsetzen durchfährt mich und ich schaue mich hektisch suchend nach einem Kind um, das weit und breit nicht zu sehen ist. Die Frau beruhigt mich schnell, indem sie mir erklärt, dass sie die Nachbarin sei und das Kind unverletzt bei ihr in der Wohnung in Sicherheit wäre. Aufatmen.
Nach kurzer Besprechung beschließen Patrick und ich einen Blick in die Wohnung zu riskieren. Vielleicht lässt sich mit der Frau ja doch irgendwie reden. "Lass mich das machen, ich konnte das in der Schule total gut mit den Psychs! Ich mach das schon." erklärt mir Patrick und geht vor. Als er die erste Treppenstufe gestiegen ist steht er mit mir auf Augenhöhe... Ich seufze, denn das hier ist nicht die Schule, sondern die Realität. "Du musst verdammt vorsichtig sein. Sobald irgendwas nicht passt oder komisch ist sind wir das SOFORT raus, ja?" Widerwillig stimmt mein Kollege mir zu und wir pirschen und vorsichtig in die Wohnung. Räucherkerzengeruch und afrikanische Bongoklänge dringen uns entgegen. Im Flur ist niemand zu sehen. Die Situation gefällt mir schon da nicht. Nach wenigen Metern sehen wir eine halbnackte Frau vor dem laut plärrenden Fernseher tanzen, na ja, mehr zappeln, die uns nicht bemerkt. Meine Alarmglocken schrillen auf: "Die ist psychotisch, lass uns den Notarzt nachfordern." Aber Patrick ist voll überzeug und spricht die Frau weiter an. Irgendwann dreht sie sich panisch zu uns um und schreit etwas auf Englisch. Patrick kann kein Englisch. "We are from the Rettungsdienst, we wanna help you" erklärt er in gebrochenem Schulenglisch. In Gedanken berechne ich meine Chancen Patrick am Kragen rückwärts aus dieser Wohnung zu kriegen. "Go away!" kreischt die hysterische Frau uns entgegen. "Go away!" Die geht ein paar Schritte und greift unter den Tisch. Meine Panik lässt mich schon den Rückwärtsgang einlegen, denn da kann ALLES unter diesem Tisch sein...
Und dann zieht sie Kreuz und Bibel hervor, schlägt es auf einander und fuchtelt damit nach uns. "Go away, I KILL YOU!" Ich komme mir vor, als würde die Puppe aus dem Sketch "Achmed, the dead terrorist" zu mir sprechen und ich muss zwischen Lachkrampf und Fluchtreflex mit mir ringen. Mein Unterbewusstsein mag mich, ich packe Patrick an der Schulter und zerre ihn mit mir aus der Wohnung, ehe die Frau uns noch näher kommen kann. Die Tür knallt zu und wir halten sie fest. Nichts passiert.

"Boar Scheiße, was geht denn mit der ab?" fragt mich mein Kollege, während ich schon das Diensthandy aus der Tasche ziehe und die Leitstelle anrufe, um das volle Programm zu bestellen: Notarzt, Rettungswagen, Polizei und Ordnungsamt. Das wird eine Zwangseinweisung per Psychisch-Krankengesetz. Der Akku des "frisch geladenen" Handys stirbt und ich muss zum Auto zurück, um die Unterbringung zu organisieren. Patrick zitiere ich mit mir. Niemand soll in der Nähe dieser Tür bleiben.
Ich rufe die Nummer der Psychiatrie an, lasse mich mit der geschlossenen Abteilung verbinden und höre als erstes über die Lautsprecher ein wahnsinniges Schreien aus der Ferne unterbrochen von einer zuschlagenden Tür. "Entschuldigung, LWL Klinik Bonn, was kann ich für Sie tun?" Ich stocke kurz irritiert, muss dann doch lachen und sage wer da anruft. Der Arzt erklärt mir lachend, dass das nur eine unruhige Patientin im Hintergrund sei, nichts Schlimmes. Dafür erzähle ich ihm, was ich nicht so Tolles für ihn hätte. Er nimmt es mit Humor und fragt lediglich, wie lange wir etwa bräuchten bis wir da sind.

Unser Notarzt trifft ein und erkundigt sich nach der Lage. Da wir jetzt zu viert sind beschließt die Gruppe es nochmals mit Deeskalation zu versuchen. Gemeinsam mit dem Ehemann begeben wir uns wieder in die Wohnung und versuchen Kontakt zu der Frau aufzunehmen. Leider führt die gestiegene Anzahl an Personen nur zu noch mehr Panik und Aggression und dieses Mal beginnt sie auch noch mit Flaschen nach uns zu werfen. Patricks Kopf wird um wenige Zentimeter verfehlt und die Flasche scheppert irgendwo neben uns in einen Raum. Fluchtartig verlassen wir die Wohnung wieder. Vor der Tür die Volkszählung. Ein, zwei, drei, vier. Scheiße! Wo ist der Ehemann? Der Fahrer des NotarztEinsatzFahrzeugs (kurz NEF) zückt ein Telefon und spornt die Polizei an schnell zu uns zu kommen. Bevor wir weiter reagieren können wird die Tür wieder aufgerissen, der Mann kommt heraus und knallt die Tür wieder zu. Er ist unverletzt.
Vor der Tür hören wir weitere Sirenen. Die Polizei kommt. Drei Fahrzeuge halten vor der Tür und sieben freundliche Kollegen kommen uns die Treppe entgegen. Es wird eine kurze Taktik besprochen, der Koffer mit den Medikamenten schon einmal bereitgestellt und so stürmen quasi fast 10 Leute die Wohnung. Acht Leute hängen, knien oder sitzen nach kurzer Zeit auf der tobenden Frau, mehr haben einfach keinen Platz auf dem Körper. Unsere Ärztin legt schnell einen Zugang und spritzt ein Beruhigungsmittel um dem Kampf ein Ende zu setzen.
Inzwischen ist auch das Ordnungsamt eingetroffen und beobachtet das wüste Treiben, stellt jedoch keine Fragen sondern beginnt den Papierkram. "Haben wir schon ein Bett für sie?" kommt die Frage, als wir sie in einem Tragetuch die zwei Stockwerke nach unten zum Auto tragen. "Ja, LWL nimmt auf" berichte ich von dem bizarren Telefonat. Mit Blaulicht, denn die Beruhigungsmittel halten nicht allzu lange und wegen des Alkohols können wir auch nicht unendlich viel geben, fahren wir in die Klinik.

Auf der Rückfahrt vom Einsatz schaue ich meinen Kollegen an: "Patrick, ich fahre mit dir nie wieder KTW!"

 

 

Geschichten aus der Notaufnahme
Handverletzungen

Die Hand ist mit ihrer Funktion prädestiniert ein Opfer von Verletzungen zu werden. Schließlich fasst man damit oft gefährliche Sachen an. Die meisten Unfälle lassen sich mit "Ich wollte nur mal kurz..." oder auch "Ich dachte, ich könnte..." erklären. Und dann gehört auch immer ein bisschen Pech dazu.

So sitze ich also an meiner Anmeldung in der Notaufnahme, als ein Herr mit einem blutigen Handtuch um die Hand zu mir an die Theke tritt. "Was haben Sie denn mit ihrer Hand gemacht?" frage ich höflich, denn dass diese sein Problem ist scheint offensichtlich. "Ich habe mir in die Hand geschossen" erklärt der Mann freundlich und sachlich. Ich blinzle kurz und kräusele fragend die Augenbrauen: "Ähm, wie bitte?"
Also erklärt er mir, was genau er da getan habe. Beim Ausräumen der Wohnung seines verstorbenen Schwiegervaters, der es wohl nicht so ganz mit Ordnung und Sauberkeit hatte, hätte er eine Pistole gefunden. Als er feststellte, dass diese nicht gesichert seit (es lebe der Wehrdienst, wo Leute so was noch lernen) wollte er dies tun. Aber noch bevor er dazu kam hatte sich ein Schuss gelöst. Zu seinem großen Glück handelte es sich nur um eine Schreckschusspistole, die ihm eine hübsche Wunde mit Verbrennung auf den Handrücken gezaubert hat, aber staunen tut man da trotzdem nicht schlecht.

Und dann gibt es so Unfälle, da weiß man nicht mehr, was man sagen soll. (Achtung, nicht für schwache Nerven)

Ich übernehme Mittags die Schicht von meiner Kollegin und lasse mir die Patienten übergeben. "... und im Gipsraum sitzt noch Herr Klotz, der ist so weit fertig versorgt. Die Wunde ist genäht und der hat von uns Dipi bekommen, daher ist er ein wenig angetüddelt. Nicht wundern. Der bekommt nur noch ne IntrinsicPlus und darf dann nach Hause." Gut, also wartet ein Mann auf mich, der mit Opiaten glücklich gemacht wurde und den nervigsten Handgips überhaupt braucht. Ich werfe im Vorbeigehen kurz einen Blick ins Arztzimmer, winke Eirik und ziehe weiter zum Gipsen.
Ich treffe ein nettes Ehepaar, das im Gipsraum sitzt und mit freundlich begrüßt. Ich erkläre kurz, dass wir Schichtwechsel hatten und ich daher die Schiene machen würde. "Was haben Sie denn eigentlich gemacht, wenn ich fragen darf?" Herr Klotz lacht erheitert. Ich bin mir nicht sicher, ob das nun an der Geschichte oder an den Betäubungsmitteln liegt.
"Ich war dumm." beginnt er den Unfallhergang zu beschreiben. Immerhin eine ehrliche Antwort. "Ich wollte den Bohrkopf am Bohrhammer nachziehen, darum hatte ich Handschuhe an." Mir schwant Übles, denn Bohrer und Handschuhe sollten sich ausschließen. "Na ja, und da bin ich irgendwie abgerutscht und auf den Auslöser gekommen." Mein Verdacht wird in diesem Augenblick bestätigt, aber der Mann kann scheinbar über seine Dummheit lachen. "Und da hat sich der Handschuh um den Bohrkopf gewickelt. Für den Kleinen Finger hat es halt nicht mehr gereicht. Ach, warten Sie mal! Den kann ich ihnen ja zeigen!" Der Mann zieht mit ungeschickten Fingern einen Einmalhandschuh aus der Brusttasche seines Blaumanns, um aus diesem noch einen Handschuhe zu zaubern, in dem sich etwas versteckt. Interessiert betrachte ich, wie mein Patient ein langes Etwas aus dem Handschuh zieht. "Schauen sie mal!" stolz rollt der Mann die Strecksehen seines Fingers zur ganzen Länge aus und deutet auf das Ende, an dem ich ein Stück Finger mit Nagel erkennen kann. Es wirkt bizarr surreal, aber gleichzeitig faszinierend. Voller Bewunderung betaste ich das Stück vor mir, das ein wenig mit einer Elastizität an einen Hundekauknochen erinnert. "Ach der ist ausgerissen!" Mein Gehirn hatte ein paar Sekunden gebraucht um dieses Bild zu einem größeren zu verpacken. Als der Handschuh sich um den Bohrkof gewickelt hatte, wollte Herr Klotz die Hand davon wegziehen. Aber für den kleinen Finger hatte es nicht mehr gereicht und er hatte sich selbigen samt Strecksehen bis in den Ellenbogen (Anatomie ist ein faszinierendes Fach!) ausgerissen. Da machste nix!
Doch noch irritierender wird es, als Frau Klotz dann lachend hinzufügt: "Macht nichts, ich habe das gleiche an der anderen Hand. Wir passen einfach zusammen." Lachend versorge ich Herrn Klotz fertig und überlasse den noch immer von den Schmerzmitteln gelösten Mann seiner Frau.

 

Geschichten aus dem Rettungsdienst
Kindermund, tut Wahrheit kund

Der Tag verspricht ruhig zu werden und wir sitzen entspannt mit einem Getränk auf der Wache, als der Melder diesen idyllischen Frieden stört.
Verkehrsunfall auf einer Landstraße im Wald, mehr wissen wir zu diesem Zeitpunkt nicht. Die Polizei sei bereits verständigt und wir sollten uns bitte melden, falls die Feuerwehr benötigt werden würde. Also ab ins Fahrzeug und auf zur Einsatzstelle.
Wir kommen nach langgezogenen Kurven zu der Unfallstelle. Die Polizei hat es geschafft vor uns einzutreffen und sichert die Unfallstelle ab, damit nicht noch weitere Unglücke passieren. Wir betrachten kurz das kleine Auto, das auf dem Dach im Graben liegt und offensichtlich leer ist. Eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern steht daneben und wirkt blass und vollkommen aufgelöst. "Waren Sie in dem Fahrzeug?" Die Frau nickt und stammelt immer wieder irgendwelche Halbsätze, dass sie sich nicht erklären könne wie das passiert sei und ob denn alles gut sei und was sie jetzt machen solle. Wir packen uns die Frau und die beiden vergnügten Kinder und bringen sie in den Behandlungsraum des RTWs.
Alle werden genauestens Untersucht und auf eventuelle Verletzungen gecheckt. Außer einer fiesen Schramme am Arm der Mutter können wir nichts finden, beschließen aber trotzdem die Familie in die Klinik zu bringen. Manche Verletzungen zeigen sich nicht auf den ersten Blick. Wir versuchen ebenfalls herauszufinden, was eigentlich passiert war. "Ich bin ganz normal die Straße entlang gefahren und muss dabei irgendwie rechts auf den Grünstreifen gekommen sein. Plötzlich ist das Auto nach links geschossen und dann ging alles ganz schnell. Ich kann mir das gar nicht erklären." Die Frau hält ihre Tochter vielleicht zwei Jahre alt, im Arm und wirkt immer noch vollkommen fassungslos. Der etwa 4jähige Bube dagegen, der neben uns im Auto steht und all die spannenden Dinge betrachtet, die da so zu finden sind hat eine sehr spontane Bemerkung zum Unfallhergang: "Die Mama ist wieder so gerast!" Er gluckst fröhlich und drückt das Kuscheltier, dass er von uns geschenkt bekommen hat.
Mein Kollege und ich müssen spontan heftig lachen, was der junge Mann natürlich nicht versteht. In diesem Moment geht die Seitentür auf und die Polizei streckt ihren Kopf hinein. "Dürften wir noch ein paar Fragen zum Unfallhergang stellen?" fragt der Beamte höflich, worauf hin ich mir wieder ein Prusten verkneifen muss. Irritiert schaut er mich an.
"Also wir dürfen dazu ja nix sagen, aber der kleine Mann hier kann ziemlich gute Angaben machen," lache ich und lasse den Polizisten seine Arbeit machen.
Am Ende haben wir alle wohl behalten in der Klinik abgegeben, das Auto war ein Totalschaden, aber Dank Sicherheitsgurten und wirklich guten Kindersitzen blieben alle drei in ambulanter Behandlung.

 

Geschichten aus dem Rettungsdienst
Fliegende Flex

Es ist ein warmer Sommertag, wir hängen auf der Wache und versuchen unnötige Bewegungen auf Grund der Hitze zu vermeiden. Der Piepston des Melders, genauer genommen von vier Meldern, lässt uns vom Sofa schrecken und in die Autos eilen. "Der Anrufer sagte was, dass sich da ein Arbeiter wohl eine Flexscheibe in den Hals geschossen hätte." erklärt die Leitstelle über Funk. In meinem Kopf bilden sich verschiedene Horrorszenarien, was uns erwarten könnte und wie man da so drauf reagieren könnte. Das ist ganz praktisch, weil man sich so geistig auf den Einsatz vorbereitet.
Die Einsatzstelle ist nicht weit von der Wache auf einem Hof und sowohl Notarztfahrzeug als auch Rettungswagen treffen zeitgleich ein. Ein Mann winkt uns bereits eine Richtung, aber sonderlich unruhig wirkt er nicht. Mit unserer Ausrüstung beladen folgen wir dem Mann und der Blutspur auf dem Boden in einer Art Wohnküche.
Dort sitzt ein älterer Herr, das Hemd voller Blut und hält sich ein Küchentuch an den Hals. Er lächelt uns freundlich zu nickt. "Chalb so schlimm. Blutet nicht mehr." Der russische Akzent ist deutlich zu hören. "Wollte mit Flex Bolzen lösen, aber Scheibe war nicht richtig fest. Ist mir gegen Hals gesprungen," erklärt er voller Ruhe und scheinbar über sein eigenes Missgeschick nicht ganz glücklich. Wir bitten ihn das Handtuch bei Seite zu nehmen, damit wir einen Blick auf die Wunde werfen könnten. Vier Leute starren gebannt auf eine etwa 4cm lange Wunde, die durch ein Loch einen wunderschönen Blick auf die Luftröhre und andere vitale Bauteile des Halses Preis gibt. "Muss nicht Krankenhaus." kommentiert der ältere Herr seinen Unfall und drückt wieder den schmierigen Lappen auf die Wunde.
In höflichem, aber eindringlichen Ton erklären wir ihm, dass sein Schlüsselbein und seine Halssehen dafür gesorgt haben, dass er jetzt überhaupt noch lebt und er doch dringend dieses Loch im Krankenhaus versorgen lassen muss. Die Flexscheibe hatte sich auf Grund einer losen Mutter gelöst, war ihm entgegen geflogen und mit Wucht am Knochen und der flexiblen Sehen des Halses abgeprallt und hatte ihm so "nur" ein dekoratives Fenster in den Hals gerissen.
Nach dem heftigen Nicken seines Mitarbeiters lässt der Mann sich in die Klinik bringen. Das war mehr Glück als Verstand im Umgang mit Werkzeug.

 

Geschichten aus der Notaufnahme
Mal wieder eine Nacht...

Die "Nacht" beginnt für mich wieder einmal um 13.30Uhr, da ich einen Bereitschaftdienst habe. Ja, ich weiß wie absurd das klingt. Reden wir nicht weiter darüber.
Der Tag ist bunt gemischt und voll, es ist viel zu tun. Bauchschmerzen, Blutdurckbeschwerden, ein ausgerenkter Fuß durch umknicken (wirklich spannendes Röntgenbild) und der übliche Kleinkram.
Als erstes beginne ich meinen Dienst damit, dass ich die Kollegin an der Anmeldung ablöse, damit diese Pause machen kann. Leider kommt die Kollegin mit ihrer Migräne aus der Pause nicht zurück sondern geht nach Hause. Also habe ich vorerst den Post an der Anmeldung gewonnen.
Prompt stellt sich bei mir ein älteres Ehepaar vor. Sie setzen sich vor mir auf die beiden Stühle, halten mir eine Einweisung entgegen und fragen: "Sind wir hier richtig?" Ich nehme ihnen lächelnd das rosa Papier aus der Hand und werfe einen Blick darauf. "Ja, das sind sie." In der obersten Zeile lese ich bereits "privat". Ich beginne den Namen in den PC abzutippen und damit die Aufnahme. Noch bevor ich eine Frage stellen kann, kommt von dem Herrn ein Hinweis an mich: "Sie möchte Einbett-Zimmer und Chefarzt." Mein automatisiertes Lächeln tritt breiter hervor. "Das müssen wir später klären. Jetzt schauen wir erst einmal hier in der Notaufnahme, was genau los ist und ob Sie überhaupt bleiben muss." Stunden später, nachdem die gute Frau von drei Fachärzten gesehen worden war verlassen die beiden verstimmt wieder die Notaufnahme, weil ja weder ein Chefarzt da war, noch wie spontan die Rückenschmerzen der Frau diagnostizieren oder beheben konnten. Hach ja...
In der Zwischenzeit kommt ein junges Paar zu mir, augenscheinlich südländischer Herkunft. Ich bekomme einen Überweisungsschein für einen Niedergelassenen Arzt. Seit einem halben Jahr hat die Frau Probleme mit dem Stuhlgang. Die Überweisung ist eine Woche alt. Ich seufze innerlich und lächle äußerlich. Nach kurzen Rückfragen, ob sich jetzt ein akutes Problem ergeben hätte und dies verneint wird schlage ich vor sich einen niedergelassenen Arzt zu suchen, drucke eine Liste mit Ärzten der gesuchten Fachrichtung in Koblenz aus und schicke sie wieder fort.

Der Tag zieht sich wie Kaugummi und ich arbeite konstant und quasi ohne Pause weiter. Ich versorge Menschen mit beginnender Blutvergiftung, unklare Bauchschmerzen und prökel auch kurz jemandem die Reste einer Zecke aus der Haut. Um 22 Uhr gehen quasi die letzten beiden Kollegen und meine Kollegin und ich bleiben alleine mit den Ärzten. Es sieht aus, als könnte es ruhig werden. Das Röntgen ist abgemeldet, da es technisch den Geist aufgegeben hat. Klar, es gibt noch einen Ausweichraum, aber es ist umständlich. Eine andere Klinik kündigt einen komplizierten Notfall für die Chirurgen an, der noch mehr unserer knappen Ressourcen binden wird. Hurra.

Ich komme von einem Gang ins Labor zurück und meine Kollegin schickt mich zur Anmeldung, ich soll mal das Herz aufnehmen, die Ehefrau würde da noch sitzen. Kurz irritiert gehe ich nach vorne. Inzwischen ist es kurz nach elf und schon fast dunkel. Ein Arzt, der sonst auf einer anderen Station arbeitet, steht da und schaut mir interessiert zu, wie ich meine Arbeit mache. "Die beiden habe ich hinten in der [Rettungswagen] Zufahrt gefunden. Der ist mir da halb kollabiert." Der sture Ehemann wollte keinen Rettungswagen, aber so wirklich gut ging es ihm auch nicht. Also fuhr die Frau ihn in ihrer Not zu uns in die Klinik. Mit Verdacht auf Herzinfarkt wird er schnell behandelt. Ich beruhige mit freundlichen Worten die Frau und bringe sie mit samt den Unterlagen zu ihrem Mann. Die Klingel an der Anmeldung kündigt mehr Menschen an.
Als ich nach vorne komme sitzt dort ein junger Mann, der zwischen seinen puderroten Flecken und Quaddeln verdammt blass ist. Mein Gehirn schaltet unnötige Nebenfunktionen ab. "Seit wann ist das?" Ist automatisch meine erste Frage. Der Mann erklärt mir, dass er vor etwa einer halben Stunde auf der Arbeit von einem Insekt gestochen worden sei, aber er wüsste nicht von was für einem. Mein Blick wandert zu seiner Begleitung: "Können Sie mir gleich die Angaben zu ihm machen, wenn ich ihn hinten versorgt habe?" Sie zögert kurz und bejaht, weshalb ich mir den Mann sofort schnappe und ins Behandlungszimmer bringe. Während ich die Notfallmedikamente aufziehe rede ich mit ihm, um mehr zu erfahren und zu hören, wie es ihm geht. Kaum, dass ich damit fertig bin hat der Gute sofort einen Zugang im Arm und einen Medikamenten Cocktail im Blut. Ich kabele ihn an den Monitor und schließe eine normale Infusion an. Der arme Kauz hat Quaddeln und Rötung am ganzen Körper. "Ich bin gleich zurück. Nachdem Sie jetzt sicher und versorgt sind nehme ich das mal auf und beruhige ihre Freundin. Die bringe ich dann auch mit." Er kann schon wieder lächeln und ich mache das Versprochene.

"Da kommt noch ne Zuweisung durch die Leitstelle." informiert mich meine Kollegin. Zuweisung bedeutet, dass der Zutsändige Arzt die Aufnahme abgelehnt hat, da aktuell keine Kapazitäten vorhanden sind, aber der Patient trotzdem gebracht wird. Da machste nix! Aber klar, die Leute müssen irgendwie versorgt werden. Doch auch der Arzt sagt etwas von einer Zuweisung, was zu Verwirrung sorgt. Zwei Stück innerhalb von weniger als fünf Minuten? Wir warten ab.
Der erste Rettungswagen bringt einen älteren Herrn mit hohem Fieber. Dass der Mann einen Harnwegsinfekt hat und Lungentransplantiert ist, sind dann so Details, die man erst sehr spät bekommt. Ich bin mit der Aufnahme noch nicht ganz fertig, da steht der nächste Rettungswagen vor mir. Doch eine zweite Zuweisung. Auch Fieber und verschlechterter Allgemeinzustand. Das kommt daher, da die Leitstelle Koblenz und die Leitstelle Montabauer offenbar nicht gerne miteinander sprechen. Wozu auch? Ach so, ja, natürlich, dass der Mann die letzten Tage Durchfälle hatte ist ja nicht so schlimm. Er hatte ja seit 10 Stunden keine mehr... Details!
Meine Nerven sind leicht angekratzt, mein Magen schreit nach Essen und Getränk, ich nehme auch diesen Mann auf und wir kümmern uns. Neben den anderen Patienten.

Meine Chirurgin und alles, was ich noch an Radiologie hatte, kämpfen seit Stunden darum einer 16-Jährigen das Leben zu retten, die sich bei einem Unfall den Lenker ihres Rollers in den Bauch gehauen hatte und schwere innere Blutungen erlitten hat. Erfolgreich, wie ich um kurz vor drei erfahre.
Das ist auch ungefähr der Zeitpunkt, zu dem bis auf zwei Patienten alle entlassen oder auf Station "verkauft" sind und ich meine Kollegin endlich alleine lassen kann.
Das ist nachdem ich um Ein Uhr nachts einer Frau erklärt habe, dass die Gynäkologin gerade dabei ist eine Frau wieder zu zunähen und jetzt gerade nicht nach ihrem Genitalherpes schauen kann.
Das ist auch, nachdem ich dem armen Urlauberpaar mit vermutlich gebrochener Kleinzehe empfohlen habe eine andere Klinik mit Unfallchirurgie aufzusuchen, da vor halb vier vermutlich kein Röntgenbild gemacht wird.
Das ist auch nachdem der demente Herr, der sich den Kopf und den halben Oberkörper aufgeschrammt hatte (unter Blutverdünnern versteht sich!) nochmals von der Station runter kommen musste, weil er die Felge aus dem Bett gemacht hat, um sich jetzt noch die Beine zu eröffnen.

Irgendwann falle ich auf die harte Matratze des Bereitschaftsbettes, höre noch dem Klackern des OP-Aufzugs zu und schlafe ein. Nur damit ich drei Stunden später wieder wach werde und nicht mehr schlafen kann. Wie ein betrunkener Zombie wanke ich zur Toilette auf dem Flur. Die Putzfrau macht mir ohne Zögern und Fragen Platz. Ich nehme meine Sachen und watschel zurück in die Notaufnahme, um Schlüssel und Telefon abzugeben.
Auf dem Rückweg von der Umkleide hole ich mir in der Cafeteria noch ein Brötchen und eine Trinkschokolade. Irgendwie muss ich ja bis nach Hause kommen. Auf dem Weg zum Auto stelle ich fest, dass mein Kakao-Päckchen keinen Trinkhalm hat. Wirklich Murphy? Wirklich?!

Und dann wurde der Nachtdienst absurd...

Ich komme zum Nachtdienst, an einem Freitag, und hoffe doch trotzdem inständig, dass es eine ruhige Nacht wird. Eigentlich kann ich diesen Plan schon bei meiner Ankunft verwerfen. Immerhin die internistischen Fälle sind alle vertütet und wir verbleibenden Pflegekräfte können uns auf die chirurgischen Patienten konzentrieren, die in gefühlt niemals endenden Scharen die Notaufnahme bevölkern. Umgeknickte Füße, vor 8 Tagen geprellte Kopf oder eine kleine Kopfplatzwunde. Es ist alles dabei. Aus dem ersten Zimmer kommt ein Mann und steht wenig hilfreich im Weg. "Der wird gleich abgeholt." Erklärt mir meine Kollegin. "Der kommt morgen wieder. Dem haben wir vorhin lauter Maden von den Beinen geholt." Na super, denke ich und freue mich, dass es nicht meine Aufgabe war.
Irgendwann bringt der Rettungsdienst uns eine junge Frau, 18 Jahre alt und nicht ansprechbar. Sie hat Alkohol und Drogen, laut ihrer Aussage nur Hasch, konsumiert und das bekam ihr nicht so gut. Inzwischen gibt sie auf beherztes Rubbeln des Brustbeins nur ein unzufriedenes Grunzen von sich. Also legen wir sie in der stabilen Seitenlage auf eine Liege und lassen sie ihre 2,5 Promille erst einmal ausnüchtern. Zumindest so der Plan.
Nach einer Weile sehe ich auf dem Flur, wie zwei meiner Ärzte versuchen das Mädchen zu halten. Sie taumelt und lallt, dass sie aufs Klo müsste. Die meisten Betrunkenen pinkeln einem entweder einfach auf die Trage oder können in einer ungeahnten Zielstrebigkeit die Toilette aufsuchen. Also pflücke ich meinen Ärzten das Leichtgewicht aus den Armen und stütze oder schleife sie schon halb zum Klo. Denn immer wieder will sie sich weinend und greinend zu Boden werfen. "Ich will zu meinem Baby? Wo ist meine Baby? Meine Leute, wo sind sie?" Es wird also Partner und Clique vermisst. Niemand von denen ist anwesend oder auch nur ansatzweise bekannt. Mit Engelszungen habe ich sie endlich am Ziel. Sie heult, ist vollkommen apathisch und fängt an mich zu beschimpfen. Toll, so was liebe ich ja...
Bevor es in einen handfesten Streit ausarten kann ziehe ich ihr die Hose wieder an, was sie selbst nicht schafft und schleife sie zurück in den Behandlungsraum. Nach mir wird gekratzt, gespuckt und geschimpft, es wird geheult, gejammert und geschluchzt. Es erinnert mehr an ein wütendes Kind als an eine junge Frau. Nach drei Anläufen und noch mehr beruhigenden Worten wirft sie sich wieder auf die Liege und schläft ein. Na also, geht doch.
Nach einer Weile kommt mein Arzt zu mir und hält mir drei Röhrchen Blut entgegen. "Sie hat jetzt einen Zugang. Ich würde sie auf Intensiv legen." Bei uns im Haus gibt es sonst leider keine adäquate Überwachungsmöglichkeit. "Hältst du das für so klug, der ne Viggo zu legen? Die zieht die sich doch sofort." Gebe ich zu bedenken.
Der Frieden währt nicht lange und das Mädchen ohne Schuhe in zwei unterschiedlichen Socken torkelt über den Flur. "Ich will zu meinen Leuten. Ich will zu meinem Baby!" Die Worte sind nur schwer zu erahnen und zwischen Verwünschungen versteckt. Nach drei Metern sitzt sie das erste Mal. Sie steht in ihrem verheulten Zustand wieder auf und beginnt zu rennen. In diesem Zustand, immer gefährlich. Sie bremst noch minimal ab, bevor sie in unsere Glasschiebetür rennt. Mein Arzt und ich verfolgen sie aus der Notaufnahme hinaus.
Uns bietet sich ein filmreifes Spektakel, was wir bedauerlicher Weise aus Datenschutzgründen nicht filmen dürfen. Die junge Frau kriecht mit Schwung über die Sitzgruppe vor dem Röntgen, räumt dabei Zeitschriften ab und bewegt sich auf allen Vieren weiter. In gymnastisch anmutenden Bewegungen kriecht sie so weiter über den Boden, um sich unserer wieder gewahr zu werden, schreiend aufzuspringen und weiter zu rennen. Es ist immer wieder ein Auf und Ab von rennen, über den Boden krabbeln und beleidigt auf selbigem sitzen bleiben, untermalt von Weinen, Kreischen, Beschimpfungen, Wortsalat und der Suche nach ihrer Clique.
Nach einer Weile kommt die gerufene Polizei und die Station mit dem Bett. Die Fünf-Punkt-Fixierung ist zu weit für ihre zierlichen Gelenke und der dramatische Kampf wandert strampelnd aus meiner Notaufnahme. Ich atme befreit auf und kann mich wieder mit um meine knapp zehn anderen Patienten kümmern.
Meine Kollegin schaut mich aufgesetzt vorwurfsvoll an: "So was passiert aber auch immer mit dir in der Nacht!"

 

Geschichten aus der Notaufnahme

"Hallo, mein Name ist Ann-Kathrin und das ist mein erster Wochenenddienst." Dies sollte der Beginn einer etwas abstrusen Freundschaft werden. Denn gefühlt immer, wenn wir beide gemeinsam Dienst hatten, passierten absonderliche Fälle.

Nummer 1:
Der Rettungsdienst kündigt eine arterielle Blutung am Kopf an. Die alte Dame hatte 6 Tage zuvor eine Hautstanze am Kopf bekommen (man entnimmt Gewebeproben um sie auf Veränderungen zu untersuchen). Die Kruste hatte sich jetzt aber wohl gelöst und etwas Größeres freigelegt.
Ich weiß Bescheid und bereite mir einen Raum vor: Viele, viele Kompressen, Plastikschürzen für alle Beteiligten, ein Mundschutz mit Visier, noch mehr Kompressen und Tücher zum Abdecken. Nebenbei erklärte ich unserem Gefäßchirurgen, dass er sich doch bitte nicht zu weit entfernen sollte, das könnte was für ihn werden. "Ach was, das ist doch wieder nichts. Ihr macht das schon!" Zuversichtlich wie immer.
Der Rettungsdienst bringt mir schließlich eine ältere Dame auf der Trage sitzend, um den Kopf ein Handtuch und verdammt viele Mullwickel geschlungen. Zwar kann sie noch atmen, aber sehen tut die Arme nix. Ich nehme sie in Empfang und gemeinsam mit der Ärztin löse ich den Verband...
Uns schießt ein pulsierender Blutstrahl vom Kopf entgegen und sprüht knappe anderthalb Meter weit. Fasziniert von Geräusch und Physik betrachte ich das ganze zwei Sprühstöße lang und drücke einen Stapel Kompressen auf die Wunde. Es beginnt sofort unter den Kompressen heraus zu bluten. "Was machen wir denn jetzt?!" Ich beruhige Ann-Kathrin und verrate ihr, dass ich einen Gefäßchirurgen vorne an der Anmeldung versteckt habe. "Du gehst jetzt nach vorne, da sitzt der Björn und holst den. So lange halte ich das hier." Mit gutem Zureden und Versichern, dass weder ich noch die Patientin ein Problem damit hätten, wenn sie jetzt schnell raus geht, holt sie Hilfe.
Besagter Arzt kommt herein, betrachtet meine vergeblichen Mühen die Blutung zu stoppen und zieht sich in aller Ruhe Handschuhe an. "Gibt mal her." kommentiert er in völliger Ruhe, nimmt mir den blutigen Haufen Kompressen ab und tut ihn bei Seite. Voller Bewunderung schaut er ebenfalls dem Springbrunnen hinterher, der der Frau aus dem Kopf schießt. "Aha..." Gezielt drückt er auf die Stelle, aus der es heraussprudelt. Die Blutung stoppt kurz. "Aha..." Er nimmt den Finger nochmals weg und betrachtet die Fontaine. Wieder zu drücken. Ann-Kathrin und ich beobachten wiederum den Gefäßchirurgen. "Gib mal was zum Nähen." fordert er mich schließlich auf und ich reiche ihm alles an, was er braucht. Kurze Zeit später steht die Blutung und zufrieden nickend verlässt er wieder den Raum nicht den Worten: "Gehört wieder Ihnen, Frau Kollegin. Wenn es nochmal blutet gerne anrufen."

Nummer 2:
Vor mir steht der Rettungsdienst mit einem alten Mann auf dem Transportstuhl, dessen Ehefrau und Sohn als Begleitung dabei. Der Sohn reicht mit eine Einweisung, auf der steht: "Plattenepithelkarzinom - NOTFALL". Irritiert darüber, was denn jetzt an einem Hautkrebs plötzlich zum Notfall werden könnte schaue ich am Sohn vorbei auf den alten Mann im Stuhl. An seinem Kopf ist ein großer Verband, der sehr frisch aussieht und trotzdem schon leicht durchblutet. "Ist die Wunde am Ohr?" frage ich, um meinen Verdacht bestätigt zu bekommen. "Ja, der Pflegedienst hat heute Morgen den Verband noch frisch gemacht. Wir sind auch angemeldet." Ich hacke die Daten ins System und sehe tatsächlich, dass schon ein Bett für den Mann und seine Frau reserviert sind. "Meine Mutter muss als Begleitung dabei bleiben. Mein Vater ist schwer dement." Ich versichere ihm, dass das schon alles in trockenen Tüchern sei und ich nur kurz die Ärztin informiere, ob sie direkt auf Station sollen oder erst hier geschaut wird.
"Ach Mensch, Ann-Kathrin, hast du wieder mal Dienst? Schön dich zu hören!" Man freundet sich wirklich mit vielen Menschen in so einer Klink an. Und es tut gut einen gewissen Zusammenhalt zu haben. "Ich habe hier einen Herrn Müller-Meier mit seiner Frau als Begleitperson. Weißt du da Bescheid?" Sie kommt in die Notaufnahme, begrüßt kurz alle und der ganzen Pulk wandert mit den Papieren auf die Station. Kaum dass die Truppe durch die Tür ist meldet sich der nächste dermatologische Fall an. Hautpilz zwischen den Fingern. Aber die Frau hatte versucht das Jucken und Brennen mit Desinfektionsmittel zu behandeln. Flächendesinfektion. Mit bietet sich ein faszinierender Anblick von Fingerzwischenräumen. Wieder rufe ich meine Ärztin an. "Ja, die muss warten, ich mach jetzt erst mal Herrn Müller-Meier."
- eine Stunde später -
Es kommt mir doch seltsam vor, dass meine Ärztin nicht wiederkommt. Das sieht ihr nicht ähnlich. Also rufe ich sie erneut an. "Bääääh, das ist so ekelig! Hier ist alles voller Maden! Ich musste erst mal über 40 Maden entfernen." Mein Gehirn möchte nicht richtig schalten und ich bin irritiert. "Woher hast du denn jetzt Maden?" frage ich in meiner Unwissenheit. "Na aus dem Ohr von Herrn Müller-Meier!" Die alte Geschwindigkeit meines Denkorgans ist wieder da. "Äh, wie bitte?! Machst du mir da ein Bild von?" Sie erklärt mir, dass der arme Mann auf Grund seiner Demenz nicht mitbekommen hatte, dass Fliegen in die Wunde gekrochen waren und dort Eier abgelegt hatten. Der Pflegedienst war schon davor berüchtigt im ganzen Ort, dass sie Patienten in vollkommen desolatem Zustand verkommen lassen und niemand etwas tut. Also musste dieser Pflegedienst morgens einfach einen neuen Verband auf das kriechende, krabbelnde Ohr gepappt haben.
Ich danke Murphy, dass dieses Päckchen erst auf Station geöffnet wurde und verspreche Ann-Kathrin alles mir Mögliche zu tun, dass es ihr wieder besser geht.
Später erfahre ich das volle Ausmaß dieses Dramas. Der arme Mann musste im Verlauf in die Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie weiterüberwiesen werden. Mehr Details spare ich euch!

 

Der Mensch, das grausame Wesen

Immer wieder fragen mich Leute, was das Schlimmste sei, was ich in meiner bisherigen Karriere gesehen hätte.
Viele erwarten so etwas wie schreckliche Verkehrsunfälle mit abgetrennten Gliedmaßen, Unmengen an Blut oder schief herausragende Knochen.
Wieder andere glauben dass eine furchtbare Krankheit und das Schicksal dahinter schwer zu ertragen wären. Das ist schon wesentlich näher an der Wahrheit als die Unfälle, aber immer noch nicht das, was mir wirklich schrecklich nahe ging.

Ich habe Menschen in Wohnungen verwesen sehen, ich hatte Fingerstücke in der Hand und durfte an fauligem Fleisch schaben. Ich habe Menschen an den Folgen einer Erkrankung sterben sehen und sah wie andere innerlich an Krankheiten zerbrochen sind. Da waren Kinder mit Verletzungen, die nie hätten sein können oder dürfen, ich sah blutig geschlagene Frauen und habe Verwahrlosung auf einem Level erlebt, dass ich beinahe kotzen musste.

Aber das, was mich am meisten berührt hat war eine Frau im Altenheim, die den restlichen Tag nur noch bitterlich geweint hat, als ich ihr erklärte, dass dies nach gut zwei Monaten mein letzter Tag hier sei. Es war das gleiche Heim, in dem ich angewiesen wurde einer Bewohnerin Essen gegen ihren Willen zu verabreichen (was ich verweigert habe) und auch das Haus, in dem man mich angefeindet hat ob meiner Fachlichkeit. Es stimmt mich bis heute unendlich traurig mit welcher gutmütigen Ignoranz solche Einrichtungen betrieben werden und noch viel schlimmer, was den Menschen dort angetan wird.

Das andere Erlebnis war eine 86 Jahre alte Frau, Schwerstpflegefall, die im Sterben lag und ihre Töchter sich darüber gestritten haben, Mutter jetzt ins Krankenhaus soll oder nicht. Wir haben versucht zu erklären, dass es sich hier um Stunden, wenn nicht gar nur noch Minuten handeln würde, bis diese arme Frau sterben würde. Nein, man beharrte auf Recht und dem Hinweis, es müsse alles Erdenkliche für diese Frau getan werden. Es war die erste von dreien, die während der Fahrt zum Krankenhaus im Rettungswagen neben mir starben. In einem klappernden Kasten, auf einer harten Trage umgeben von Fremden.
Warum tut man einem Menschen so etwas an?

Keine Sorge, ich habe auch wirklich schöne Dinge erlebt! Aber wenn wir nicht die Augen dafür öffnen was alles falsch läuft, dann wird das nie enden.

 

Geschichten aus dem Krankenhaus
Die andere Seite

Manchmal lässt es sich dann nicht vermeiden, dass man selbst auf die Seite des Patienten kommt. So auch mir. Ein chirurgischer Eingriff war nötig und ich machte einen Termin in unserem Klinikverbund aus.

Schon beim Vorgespräch zur Anästhesie hatte ich meinen Spaß. "Mensch, Christina, was machst du hier?" fragt mich die Anästhesistin, die ich aus meiner Klinik kenne. Ich schaue auf den Stapel Papiere, die ich in der Hand halte und ihr reiche. "Tja, Aufklärungsgespräch, würde ich mal sagen." Der Grund für mein Kommen ist kein Schöner. "Oh." sagt die Ärztin, als sie meine Unterlagen anschaut. Wir quatschen eine ganze Weile über die Arbeit, über Patienten und Fälle, die wir gemeinsam betreut haben, über meinen Chef, der ein Kollege von ihr ist und irgendwann fällt uns auf, dass wir auch noch den Narkosezettel ausfüllen sollten. Eine schnelle und unkomplizierte Sache, wenn man es schon kennt.

Zwei Tage später ist es dann schon so weit und ich komme morgens nüchtern in die Klinik, da für 12 Uhr meine OP angesetzt ist. Leider sind auch OPs für mich nichts Neues, so dass ich relativ entspannt dort eintreffe. Als Klinikmitarbeiter genießt man ein bisschen Luxus, so dass ich eine sehr nette junge Frau auf meinem Zimmer habe, die sich auch freut, mal keine demente bettlägerige Frau neben sich zu haben, die ihr am besten noch nachts den Schlaf raubt.

Gegen zehn Uhr frage ich das erste Mal nach, ob ich mich denn schon einmal umziehen sollte oder ob sie mir Bescheid geben würden. Mir wird erklärt, dass ich einfach warten solle. Inzwischen hatte ich fast zwei Flaschen Wasser getrunken, da mir klar war, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt nichts außer klarem Wasser zu mir nehmen durfte. Meine Laune hält sich in Grenzen, aber ich warte weiter geduldig. Nachdem zwei Notfälle im OP vorgezogen werden und ich noch länger warte, nutze ich die Zeit meiner schwangeren Bettnachbarin eine kurze Diabetisschulung zu geben. Auch die Medizinstudentin, die kommt um mir einen Zugang zu legen, darf nicht nur an mir üben, sondern bekommt Tipps, Hinweise und Anleitung. Nach dem dritten Versuch habe ich auch endlich meinen Venenzugang, auch wenn meine Linke Hand schmerzt wie die Hölle.
Die Tür geht auf, die Schwester kommt rein und verkündet mir, dass es JETZT zur OP gehen würde. Ich sitze da in Jeans und T-Shirt auf der Bettkante und schaue sie überrascht an. "Aha." kommentiere ich in meiner unvergleichlichen Art. "Na dann ziehe ich mich schnell um. Prämed kann ich mir dann ja jetzt schenken." Unter Prämed versteht man die Prämedikation, also ein Beruhigungsmittel, was einen entspannen und müde machen soll, so dass man bei der OP selbst weniger Narkosemittel benötig. Der Trick an der Sache: Da es eine Tablette ist braucht das Medikament eine viertel bis halbe Stunde, bis es richtig wirkt. "Nein, die nehmen Sie jetzt noch." erklärt mir die Schwester und reicht mit das kleine Becherchen mit einem Schluck Wasser. Tablette ab in den Rachen, ins Bett gesprungen und zack in den OP.

Ich komme in der Schleuse an. Mir bekannte Augen schauen mich zwischen Haube und Mundschutz an. "Du?!" Es ist eine Sache, ob man einen Namen auf einer Akte liest oder ob betreffende Person direkt vor einem liegt. Man (er)kennt mich also. Auch die Anästhesistin, die jetzt an meinem Kopfende steht schaut mich mitleidig an. "Ach Mensch, was machst du denn?" Ich grinse zurück: "Ach, ich dachte ich lass mich mal ein bisschen aufschneiden. Hab gehört das Narkosemittel soll ganz toll sein." Wir spaßen und frötzeln, alles wird vorbereitet und die Narkose eingeleitet. "Denk an was Schönes, Urlaub oder so." Sind die letzten Worte, bevor die Narkose zu wirken beginnt. "Aber denk nicht an Bilal und die ZNA". Und da wird es dunkel.

Ich wach wieder auf, als ich im Bett aus dem OP Saal geschoben werde in den Aufwachraum. Ich fühle mich wattig weich und entspannt. Neben mir stöhnt jemand, in einem anderen Bett macht jemand ausgiebig Gebrauch von einer Brechschale. Ich sitze wach in meinem Bett und schaue den Anästhesiepfleger an. "Was ist denn mit dir los?" fragt er mich. Ich zucke die Schultern: "Wach, ansprechbar und gelangweilt." Die Augenbraue hebt sich unter seiner Haube und er blickt mich prüfend an. "Wie wach bist du?" Ich schaue mich nochmals im Raum um. "Wach wach." gebe ich zur Antwort. Er nickt und zückt ein Telefon. "Dann rufe ich jetzt die Station an, dich abholen." Gedächtnislücke.

Mein Bewusstsein holt mich mitten in meinem eigenen Satz zurück, als würde ich mir beim Sprechen zuhören. "Können Sie überhaupt laufen?" war die Frage der Schwester, auf die ich selbstsicher mit: "Nö, mir ist total schwindlig!" antworte, die Beine aus dem Bett schwinge und aufstehe. Ich taumle ein Stück gerade aus, bis die Wand mich bremst, taumle nach links, so die Kante mich fängt, taumle nach rechts, wo ich mich am Waschbecken abstütze, schwanke nach links und halte mich an der Badezimmertür fest. Rechts stützt mich die Dusche, links finde ich noch ein Waschbecken und der letzte Rechtsschwenk bringt mich auf die Toilette. Angekommen.

Ich wach im Bett wieder auf und habe das dringende Bedürfnis auf die Toilette zu gehen. Ich setzte mich auf die Bettkante, warte kurz und stehe auf. Aus dem Bett neben mir dringt schallendes Gelächter: "Willst du schon wieder aufs Klo?!" fragt meine Nachbarin mich. Ich schaue sie irritiert an, kann ich mich doch an den Rückweg von der Toilette doch nicht erinnern. "Äh, ja. Ich war doch nur einmal." Die Schwangere muss sich den Bauch halten, so amüsiert ist sie über die Situation.
"Nein, du warst schon zweimal!" lacht sie. "Die haben dich hier rein gefahren und du meintest, du müsstest ganz dringend aufs Klo. Also wollte dir die Schwester eine Pfanne holen. Das hast du vehement abgelehnt. Auch den Toilettenstuhl hast du barsch abgelehnt. Als sie dich gefragt hat, ob du überhaupt laufen kannst, hast du das verneint, bist aufgestanden und wie betrunken gegen die Wände getorkelt." Bei der Erzählung muss sie immer mehr lachen. "Als du vom Klo zurückgekommen bist wollte die Schwester die Infusion anschließen, aber du meintest nur "Wieso? Ich muss erst noch zum Klo!" und das ganze Spiel ging von vorne los."

Peinlich berührt wird mir klar, dass das Medikament, das mich vor der OP beruhigen sollte, erst nach der OP gewirkt hat und mir einen wunderbaren Filmriss beschert hat. Ich tapere ins Bad, rolle mich zurück ins Bett und schlaf meinen Rausch weiter aus.

 

Geschichten aus der Notaufnahme
Das Kakao-Trauma

Als ich anfing in der Notaufnahme zu arbeiten hatte ich gerade meine Ausbildung als Gesundheits- und Krankenpflegerin abgeschlossen und war quasi blutige Anfängerin. Mit dem kleinen Unterschied, dass ich davor eben schon eine komplette Ausbildung im Rettungsdienst gemacht hatte und auch dort gearbeitet hatte. Also war "Notfall" für mich bereits ein relativer Begriff.

Es kam wie es so kommt, dass ich immer mehr Erfahrung im Laufe der Zeit sammelte und dann zu den "erfahrenen Hasen" zählte. Wieder einmal stand ein Nachtdienst für mich an. Meine Kollegin Karen, die von der Chirurgie zu uns in die Notaufnahme gewechselt hatte, dufte den Nachtdienst mit mir und einer Studentin verbringen.

So kam es also, dass wir unserer Arbeit nach gingen und die einkehrende Ruhe genossen. Zur Entspannung hatte ich mir eine schöne heiße Schokolade aus dem Automaten geholt. Aber wie das immer so ist wurde mein Plan von Arbeit durchkreuzt. Also stellte ich meinen Kakao auf dem Tisch ab und verschwand mit meiner Kollegin im Schockraum, um dort einen Patienten zu versorgen, der wirklich schlecht Luft bekam. Eine Maßnahme bei solch einer schweren Atemnot kann sein, dass man den Patienten nicht invasiv beatmet, ihm also eine Maske ins Gesicht schnallt, die ihn bei der Atmung unterstützt. Wir nennen so was NIVen. Das klingt im ersten Moment schrecklich kompliziert, ist aber eigentlich kein Hexenwerk. Die größere Kunst dabei ist den Patienten, der das panische Gefühl hat zu ersticken, auch noch eine Maske ins Gesicht zu drücken, die im ersten Augenblick alles nur keine Hilfe zu sein scheint.
Während nun also unsere beiden Internisten zu zweit versuchten den Patienten zu seinem Glück zu verhelfen standen Karen und ich etwas tatenlos daneben, da wir bereits alle anderen Maßnahmen abgearbeitet hatten.

Wie wir also so dort standen und darauf warteten, dass der nächste Schritt eintreten würde, erinnerte ich an meinen Kakao.
"Ich bin gleich zurück." meinte ich zu Karen und verließ den Raum, um in etwa fünfzehn Meter Entfernung meinen Becher zu greifen und mir das lauwarme Getränk in den Rachen zu schütten. Keine zwei Minuten später kehrte ich so, etwas zufriedener, in den Schockraum zurück und sah die Situation fast unverändert vor. Inzwischen funktionierte das mit der Maske besser und es wurden schon Feineinstellungen am Beatmungsgerät vorgenommen, zum anderen starrte meine Kollegin mit halb entsetzt, halb sprachlos fragend an.
"Was hast du gemacht?" fragt sie mich.
"Ich war meinen Kakao trinken, bevor er ganz kalt wird." gebe ich als die Ruhe selbst zur Antwort. Mein Blick lässt sie zögern.
"Das ist nicht dein Ernst!? Du verarschst mich!" Sie war sichtlich entsetzt und suchte den Scherz in meiner Aussage. Ungläubig schüttelte sie den Kopf.
Ich zuckte nur die Schultern und deutete auf den Raum. "Doch. Hier ist doch in den 3 Sekunden eh nichts passiert. Und du hast zwei Ärzte hier im Raum."
Sprachlos und halb entsetzt darüber schüttelte sie nur weiter den Kopf und wir gingen zurück an die Arbeit.

Seitdem durfte ich mir nachts keinen Kakao mehr ziehen, wenn ein Patient für den Schockraum angekündigt war und ich mit Karen Dienst hatte.

 

Geschichten aus dem Rettungsdienst
Die etwas andere HiLoPe

Im Rettungsdienst spricht man meistens von einer HiLoPe (hilflose Person), wenn irgendwo jemand betrunken herumliegt. Wenn also das Einsatzstichwort "HiLo" auf dem Melder erscheint, kann man sich meistens schon darauf einstellen einfach einen Betrunken aufzusammeln und in die nächste Klinik zu fahren. Sie sind unterschiedlich stark betrunken, unterschiedlich kooperativ und auch unterschiedlich eklig.

In diesem Fall sollte es aber tatsächlich eher lustig werden.
Mein Kollege und ich erreichen den Einsatzort, wo ein junger Mann am Straßenrand steht und uns winkt. Wer noch so koordinationsfähig ist kann nicht unser Patient sein.
Also halten wir an und steigen aus. "Schönen guten Abend, wie können wir behilflich sein?" Nun gut, es war mehr mitten in der Nacht, aber irgendwas muss man ja sagen.

Der Angesprochene reagiert recht freundlich, fast schon peinlich berührt: "Mein Kumpel ist total besoffen. Ich wollte den nach Hause bringen, aber dann musste er sich übergeben und ist mir da ins Gebüsch gefallen." Er deutet auf eine kleine Böschung, an deren Ende Füße aus den Sträuchern ragen. "Aber ich kriege ihn da jetzt nicht mehr raus. Können Sie mir helfen?" Höfliche Betrunkene sind eine Rarität!

Kurz schauen wir auf die Füße, die da aus den Büschen hängen. "Hol du den da raus, ich hol mal die Trage." kommentiert mein Kollege und geht zum Auto. Murrend gehe ich Hang hinab, weiche einer Lache aus Erbrochenem aus und inspiziere meinen baldigen Fahrgast. Weder auf Ansprache noch auf beherztes Knuffen kommt eine Reaktion. "Na toll." murre ich und lege mir die Gliedmaßen so zu Recht, dass ich arbeiten kann. Wenige Griffe später schleife ich den Mann im Rautek aus dem Graben und lege ihn mit dem Kollegen zusammen auf die Trage.

"Das hatte ich auch versucht, aber nicht geschafft. Wie haben Sie das gemacht?" fragt mich der erstaunte Saufkumpane, der jetzt seinen Kumpel betrachtet. "Weniger Alkohol und Technik." erkläre ich lächelnd und überprüfe nochmal das Bewusstsein des Betrunkenen.
"Kann ich den jetzt mitnehmen?" fragt der junge Mann uns. Mein Kollege und ich schauen ihn überrascht an. "Äh... nein." antworten wir ihm und schieben die Trage in Richtung Auto.
"Können Sie mir den nicht nach Hause fahren und ins Bett legen?" Unsere Blicke werden noch irritierter, aber ich muss schon gegen ein Schmunzeln ankämpfen. Wir erklären ihm, dass sein Kumpel wohl eher auf die Intensivstation als in sein Bett geht. Auf die Frage hin, ob er denn mitkommen wolle um nach ihm zu sehen sagt er: "Ne, dann gehe ich lieber Heim und schlaf mich aus. Danke Leute!"
Und damit trennten sich unsere Wege.

 

Geschichten aus dem Rettungsdienst
Der etwas andere Verkehrsunfall

Als Rettungswagen wurden wir zu einem Verkehrsunfall alarmiert. Die Leitstelle funkte uns an: "Fahrt da mal hin. Ich habe nicht so ganz verstanden was da passiert ist, die klangen irgendwie betrunken am Telefon. Fordert gegebenenfalls noch nach." Wir also schön mit Blaulicht zum Einsatzort.

Dort angekommen bietet sich uns eine Szene, die es zu verstehen gilt. Am Straßenrand stehen ein paar junge Erwachsene und Jugendliche, manche winken uns schon hektisch, andere stehen scheinbar teilnahmslos herum und zwei liegen auf der Wiese. Was jedoch für einen Verkehrsunfall fehlt ist ein Fahrzeug, was wir weit und breit nicht sehen können. Also heißt es Lage erkunden.

"Guten Abend, was ist denn hier passiert?" fragen wir den nächst besten, der uns entgegen kommt. Der junge Mann hat eine leichte Alkoholfahne und erklärt uns, dass die beiden auf der Wiese unsere Patienten seien. Doch so ganz schlau werden wir aus seiner Aussage nicht. Irgendwas mit falsch gelaufenem Scherz. Also beschließen wir uns aufzuteilen. Während mein Kollege den einen jungen Mann untersucht schaue ich mir den anderen an. So kann schneller ermittelt werden wer wie viel Hilfe braucht.

"Wo tut es denn weh?" frage ich meinen Patienten, der vielleicht mit viel Liebe 18 Jahre alt ist. "Mein Bein! Mein Bein tut so weh. Da ist das Auto drüber gefahren!" Ich stutze und betrachte das Bein kurz genauer, das leichte Dreckspuren auf der Hose hat. Aber ich sehe immer noch kein Auto. "Wie ist das denn passiert?" frage ich sachlich, während ich beginne von oben nach unten den jungen Mann nach weiteren Verletzungen abzusuchen. Da schaltet sich neben mir ein weiterer Beteiligter hinzu: "Die Lisa (Name geändert) wollte die beiden erschrecken, als sie da saßen. Die wollte den Motor aufheulen lassen... Aber es war wohl ein Gang drin." In meinem Kopf wird die Information rasend schnell verarbeitet und mein Blick wandert endlich die flache Böschung hinauf, wo tatsächlich ein Auto steht. "Na ja, und dann ist sie über die beiden drüber gefahren."

Mein Kandidat hatte mehr Glück als der meines Kollegen, denn der hat eine breite Spur über den Bauch. Sofort wird ein zweiter Rettungswagen und ein Notarzt nachbestellt. Die Zeit bis zum Eintreffen nutzen wir um uns gemeinsam um das Bauchtrauma zu kümmern. "Wie riecht das hier eigentlich?" frage ich meinen Kollegen, um ihn auf den mir unbekannten Geruch aufmerksam zu machen. Er schaut mich verblüfft an: "Nach Gras. Kennst du das nicht?" Ich bemühe mich nicht leicht zu erröten und erkläre, dass ich damit noch nie zu tun hatte und daher nicht weiß, wie das riecht. Wir schauen unseren Patienten an. "Haben Sie Drogen oder Alkohol konsumiert? Wir wüssten das gerne bevor die Polizei gleich eintrifft. Das macht es für den Notarzt leichter." Meistens sind die Leute dann nämlich nicht mehr so gesprächig und von uns werden sie das nicht erfahren, Schweigepflicht.

Wie wir schnell erfahren haben aus dem ganzen Pulk von Leuten um uns herum alle entweder Alkohol, Gras oder beides konsumiert. Na super.
Die Kollegen sind schnell vor Ort, wir verladen unseren, zum Glück stabilen, Patienten und bringen ihn auf dem schnellsten Weg in die Uniklinik.
Er durfte die Klinik nach zwei Tagen mit ein paar Prellungen wieder verlassen. Auch sein Kollege hatte sich nur einen dicken Bluterguss im Oberschenkel zugezogen.

 

Geschichten aus der Notaufnahme

Es begab sich, dass ich wieder einmal Nachtdienst hatte. Es war verhältnismäßig ruhig, die meisten Ärzte hatten sich bereits ins Bett verzogen und es kehrte Ruhe ein. Bis das Telefon klingelte. Zuerst war es mein Chirurg.

"Auf der Akutstation ist jemand aus dem Fenster gesprungen."
Es war mitten in der Nacht, also brauchte mein Gehirn eine Sekunde um über diese Information nachzudenken. Hm, Akutstation, aber die ist doch im Keller. Ja was soll ich damit? "Jaaa?" ist meine verhaltene Antwort.
"Und der ist weggelaufen" erklärt man mir weiter am Telefon.
Wieder möchte mir mein Verstand keinen plausiblen Grund geben in Hektik zu verfallen. "Na dann ist das Sache des Rettungsdienstes und der Polizei. Sollen die den wieder einsammeln" erkläre ich in ruhigem Tonfall. Der Arzt ist damit nicht zufrieden und will selbst auf Patientensuche gehen. Ich sichere ihm meine Hilfe zu, sofern er mich braucht und ich nicht durch den Stadtpark rennen muss.

Das Telefon klingelt ein weiteres Mal, dieses Mal die Pforte. "Da ist ein Patient von der Akutstation weggelaufen." Ich erläutere, dass ich dies bereits mitbekommen habe und es aktuell nicht in meinen Aufgabenbereich fallen würde.
"Ja aber der steht jetzt hier bei mir!" bekomme ich zu hören und mein Verstand macht einen Hüpfer.
"Wie bitte?! ... Äh, ja ich komme ihn einsammeln." Bis zu diesem Punkt war mir das Ausmaß des Ganzen noch immer nicht bewusst. Also laufe ich ruhigen Gewissens, einen Rollstuhl vor mir her schiebend, zum Haupteingang.

Dort steht ein Mittelalter Herr mit wirrem Haar, bekleidet nur mit einem Flügelhemdchen in der Eingangshalle und sieht sehr unglücklich aus. Über seiner Augenbraue klafft eine Platzwunde und insgesamt sieht er ziemlich verdreckt aus. Hilfesuchend und kooperativ packe ich den Mann ein und nehme ihn mit. Auf dem Weg zurück frage ich ihn, wie er denn nach draußen gekommen wäre. "Ich wollte zu meinem Handy, aber das lag noch in meinem Nachtschrank auf Station. Also habe ich die Abkürzung genommen." Aha. Aus dem Fenster. Na wenn er meint. Ab damit in die Notaufnahme zum Nähen.

Ich rufe meinen Chirurgen an, da er seinen Patienten eh schon gesucht hat. Der Unfallchirurg darf auch dazu kommen und zu meiner Überraschung kommt die Neurologin noch von ganz selbst dazu. Und dann kommt die Aufklärung, was wirklich geschah:
Nach seiner Bauch OP rutschte der Mann in ein sogenanntes Delir. In diesem Zustand akuter Verwirrtheit schnitt er sich erst mit einer Nagelschere die Drainagen ab (das sind die Schläuche, die überschüssiges Wundwasser und Blut aus Wunden ableiten), stöpselte seinen Dauerkatheter ab, zupfte alle Kabel und Zugänge von sich ab und stieg aus dem Fenster. Leider stürzte er dabei gut 5 Meter in die Tiefe, da darunter leider doch noch ein Stockwerk war, nämlich die Bereitschaftzimmer und das Fotolabor. Vom dumpfen Aufschlag eines Menschen geweckt schreckte die Neurologin hoch und sah noch den leichtbekleideten Flüchtling, konnte ihm selbst aber nicht folgen.
Der Mann hatte mehr Glück als Verstand und hatte sich dabei tatsächlich nur eine Kopfplatzwunde zugezogen.

 

Nachts in der Notaufnahme

Es ist Freitag Abend und mir steht meine erste Nacht in der neuen Klinik bevor. Natürlich bin ich dabei nicht alleine, denn der Dienstplan sieht vor, dass ich einen Bereitschaftsdienst habe, den ich bei Bedarf rufen kann. Dass dieser arme Mensch an dem Tag schon seit 13.30 Uhr im Dienst ist sei mal dahingestellt.
Kurz nach zwölf legt sich der Betrieb, ich habe nur noch zwei oder drei Leute zu betreuen, die quasi schon Stationsfertig sind. Also schicke ich den Kollegen ins Bett.

Kurz danach erscheint ein älteres Ehepaar. Der Mann erklärt mir, dass seine demente Ehefrau schon den ganzen Tag Kopfschmerzen hätte. Ich lächle und erkläre ihm, dass a) er damit doch bitte den Hausärztlichen Notdienst aufsuchen möge, b) das nicht mitten in der Nacht abzuklären sei und c) wir keine Neurologie haben. Unbeirrt hält er mir verschiedene Medikamentenpackungen entgegen und will einfach nicht gehen. Also gut, dann versuchen wir mitten in der Nacht den Blutdruck der Dame, die den ganzen Tag schon damit unterwegs ist, wieder zu dämpfen. Meine Internistin ist ebenfalls nur mittelschwer begeistert, da wir bis zu diesem Zeitpunkt noch damit beschäftigt waren einen jungen Mann (alles bis 50 Jahre zählt als jung) mit Lungenembolie zu versorgen.

Natürlich hat Murphy mich besonders lieb und es kommen noch mehr Menschen. Der Mann mit den Schmerzen nach Hand-OP habe ich fix aufgenommen und den Unfallchirurgen aus dem Bett geklingelt. Das Gespräch mit der Kripo zieht sich dafür etwas länger, weil die immer so viele Fragen stellen ;)Ob ich das Kind mit den gebrochenen Beinen versorgt hätte? Nein, ich habe es nur kurz gesehen, war nicht mein Patient. Ob ich den Mann, der dabei war, wiederkennen würde? Nein, ich habe einen Menschen gesehen, aber keine Ahnung. Sehe zu viele Menschen täglich. Ob ich sonst noch Hinweise geben könnte? Ich verweise an die Kollegen, die das Kind versorgt haben und kümmere mich wieder um andere Aufgaben.

Inzwischen habe ich vier Patienten in der Notaufnahme, aber alles nichts Wildes. Der dementen Dame gebe ich auf Anordnung eine Tablette und sage, dass wir den Blutdruck in etwa einer Viertelstunde nochmal messen. Es ist inzwischen kurz vor vier. Der Rettungsdienst hat sich angekündigt und erneut ruft mich die Pforte an, dass noch jemand auf dem Weg zu meiner Anmeldung ist. Eine junge Frau steht dort und erklärt mir, dass ihre Mutter Brustschmerzen hätte und es ihr nicht gut ginge. Ich werde sofort hellhörig und frage, warum nicht der Rettungsdienst gerufen wurde und wo denn die Mutter jetzt sei.
"Die sitzt da im Wartebereich. Sie wollte nicht, dass wir den Rettungsdienst rufen." Meine inneren Alarmglocken gehen an und als jetzt die Mutter um die Ecke kommt, gestützt von ihrem Mann, ist mir klar, dass sie einen Herzinfarkt hat. Diese Gesichtsfarbe erkennt man sofort. Ich rufe die Internistin zu mir, die die Frau sofort in ein Behandlungszimmer mitnimmt während ich die Dame im System aufnehme und meinen Kollegen aus dem Bett klingle.
Auf dem Flur läuft das ältere Ehepaar herum und fragt, wann ich zum Blutdruckmessen kommen würde. Ich bitte sie höflich wieder ins Zimmer zurück zu gehen, es würde einen Moment dauern, ich hätte jetzt hier gerade einen Notfall.

Ich rausche mit den Unterlagen zu meinen Ärzten, die bereits die Versorgung begonnen haben. Das EKG sieht nicht gut aus, das Herzkatheter Team wird angerufen und die Frau mit Medikamenten versorgt. Ich hechte zum Kühlschrank, um das Heparin zu holen. "Kommen jetzt zum Messen? Sie müssen Blutdruck messen." Schon wieder stehen die beiden neben mir. Dass ich sie nicht wegdrängeln muss liegt daran, dass sie einen bösen Blick von mir ernten. "Das dauert einen Augenblick. Ich habe gerade einen schweren Notfall zu versorgen. Sie müssen warten." Ich nehme das Medikament und husche wieder davon.
Mein Kollege, der inzwischen da ist, nimmt weitere Patienten an. Die Herzpatientin ist inzwischen von mir komplett umgezogen worden und ich messe das nächste Medikament ab. Konzentriert zähle ich die Tropfen, die in den Becher fallen.
"Kommen Sie jetzt zum Messen? Es ist schon zwanzig Minuten her und..." Meine freie Hand schnellt einfach mit erhobenem Zeigefinger schräg hinter mich und bedeutet dem Mann zu verstummen. Ich ignoriere ihn sonst und zähle die Tropfen. Kaum, dass ich meine Tropfen fertig habe steht er mir halb im Weg. "Sie müssen jetzt messen." Mein Geduldsfaden wird auf eine harte Zerreißprobe gestellt und ich zwinge mich selbst nicht ausfallend zu werden. "Ich versuche gerade zu verhindern, dass da jemand stirbt. Ich kann jetzt nicht. Sie müssen warten!" Ich rausche wieder ab.

Keine fünf Minuten später, als ich mit der schwer kranken Frau zum Herzkatheter fahre, sehe ich die beiden schon wieder suchend über den Flur laufen. Zähneknirschend ignoriere ich das, ich habe wirklich dringenderes zu tun.
Als ich zurück komme und den Defibrillator und meinen Überwachungsmonitor wieder aufräume stehen sie in der Tür. "Ich.komme.gleich.zu.ihnen." Meine Beherrschung grenzt an ein Wunder. "Gehen Sie zurück in das Zimmer!"

Dankbarer Weise hat mein Kollege mir dann irgendwann das Messen abgenommen. Aber damit nicht genug. Kaum, dass das ältere Paar in Richtung Röntgen geht und seine Frau dann in dem Zimmer verschwand (Ich glaube er kam nicht ganz damit klar, dass er nicht mit rein durfte) tigert der Mann ständig im Bereich der Anmeldung herum, wo ich gerade eine schwangere Frau mit Bauchschmerzen aufnehme. "Würden Sie bitte im Wartebereich warten?!" Meine Stimme ist für mich ungewöhnlich harsch, was an meiner kaum noch vorhandenen Geduld gegenüber diesem Menschen liegen könnte. Die Frau mir gegenüber versteht mich, meine Mimik und meinen Tonfall sofort. Sie lächelt mitfühlend. Wieder schnellt meine Hand nach vorne und der ausgestreckte Zeigefinger deutet die Richtung an, in die der Mann sich bewegen soll. Mein inzwischen wirklich wütender Blick lässt den Herrn langsam die fünf Meter in den Wartebereich wandern.

Muss ich noch erwähnen, dass das Ehepaar später gegen ärztlichen Rat gegangen ist?
Meine Nerven...

 

Manchmal nicht so lustig

Es ist wieder ein normaler, bunter Tag in der Notaufnahme. Das Haus hat keine Betten mehr und selbst die Oberärzte diskutieren schon darüber, wen man wohin verlegen oder gar entlassen könnte.
Eine junge Frau kommt mit Bauchschmerzen und Blutungen in die Notaufnahme. Sie ist in der 18 Woche schwanger. Ihr Mann begleitet sie, beide wirken unsicher.
Wir versuchen Ruhe zu vermitteln, nehmen die Dame ins System auf und rufen den Gynäkologen an, damit er sich die Patientin anschauen möge. "Nehmt schon mal Blut ab und gebt ihr was gegen Schmerzen, ich komme dann." Gesagt, getan. Die Frau liegt in einem der Zimmer am Tropf und wartet. Nach einer guten halben Stunde kommt die nächste Patientin für die Gynäkologie mit Unterbauchschmerzen. Der Rettungsdienst hat ihr schon starke Schmerzmittel verabreicht, was aber nur teilweise Besserung brachte. Also wieder den Arzt anrufen.
Ich: "Es ist noch eine zweite Patientin dazu gekommen. Sie hat starke Schmerzen. Kommst du?" Mir wird zugesichert, dass der Arzt gleich käme. Ich tröste mit dieser Aussage auch Patientin, die durch eine Trennwand abgeschirmt daneben liegt.
Nach einer Weile kommt der Arzt, schaut nach der zweiten Patientin und geht wieder. Die junge Frau bekommt langsam Tränen in die Augen. "Wann kommt der Arzt denn? Ich habe so Schmerzen! Und ich will wissen was los ist." Ich bin irritiert, denn ich war davon ausgegangen, dass wenn er schon mal da ist, er sich um beide Patientinnen kümmert.

Inzwischen waren über zwei Stunden vergangen, als der Gynäkologe wieder in die Notaufnahme kommt. Der arme Kerl muss sich als diensthabender Arzt um die Notaufnahme und den Kreissaal kümmern. Keine allzu beruhigende Aussicht. Noch zwei weitere Patientinnen warten inzwischen auf ihn.
Er untersucht die junge Frau, bittet mich zur Unterstützung dazu und macht Tests. Fruchtwasser läuft aus, die Diagnose Abort bestätigt sich.
Arzt: "Ich brauche ein Bett." Ich kräusele leicht die Lippen und schüttele den Kopf. "Da musst du deinen Oberarzt fragen, wir haben keine mehr."
Ich weiß nicht, wohin die arme, weinende Frau letzten Endes verlegt wurde, da ich Feierabend hatte. Ich habe weder die Arbeit noch den Gedanken daran mit nach Hause genommen.

"Wie erträgst du das alles, was du auf der Arbeit erlebst immer wieder?"
Antwort: "Ich lege all das nach Feierabend in der Umkleide ab."

 

Das Telefon in der Notaufnahme

In der Notaufnahme ist immer jemand erreichbar, rund um die Uhr. Es ist zwar manchmal ein bisschen hektisch und die Freundlichkeit kann dabei manchmal etwas kurz kommen, aber wir bemühen uns doch immer zumindest so weit zu helfen, dass die Person nicht nochmal anrufen muss 😉

Wir sehen natürlich auf dem Display, wenn eine Nummer von Extern, oder noch besser, jemand mit unterdrückter Rufnummer anruft. Das hat dann ein bisschen was von Revolverduell: Niemand möchte ans Telefon gehen und man schaut sich gegenseitig kurz ins Gesicht, wer nun zuerst nach dem Hörer greift und entweder ein erfreulich kurzes oder gar unterhaltsames Telefonat führt oder aber Menschen in der Leitung hat, die man gerne... na ja, also man versucht eben zu helfen.
Und man glaubt kaum, was man da so zu hören bekommt. Ganz schlimm finde ich es immer, wenn das Gespräch beginnt mit: "Sie sind doch vom Fach" oder auch "Sie haben doch Erfahrung/ Sie kennen sich doch aus". Da weißt du sofort, da möchte jemand eine völlig absurde Frage beantwortet haben, die a) gegooglelt wurde, b) am Telefon nicht zu beantworten ist oder c) nicht die Antwort bringt, die die Leute gerne hätten.

1)
Eine Pflegekraft aus dem Altenheim ruft an: "Ja hallo, ich habe hier die Frau Krapottke (Name geändert), die war schon mehrfach bei Ihnen in Behandlung. Da wollte ich was fragen."
Ich: "Hm, möglich. Ich kenne Sie nicht. Worum geht es denn?"
Sie: "Das Bein sieht irgendwie nicht gut aus."
Ich: "Was heißt denn 'Nicht gut'?"
Sie: "Na ja, es ist ein bisschen kalt und so gräulich." Ich stocke schon innerlich bei dieser Beschreibung. Nach einem kurzen Zögern führt sie fort: "Und sie hat ja schon nur noch das eine."
Ich: "Äh, seit wann ist das so? Ich sage gleich schon mal unserem Gefäßchirurgen Bescheid."
Sie: "Seit heute Morgen. Soll ich sie damit zu euch schicken?"
Ich kämpfe innerlich um Fassung, bleibe ruhig und höflich: "Ja, sobald ich wir gleich aufgelegt haben rufen Sie bitte sofort die 112 an und sagen dem Mann dort, dass sie bitte einen RETTUNGSwagen zu einem akuten arteriellen Gefäßverschluss schicken sollen. Mit Grüßen von der Schwester Christina. Der kennt mich."
Ich lasse mir meine Anweisung wiederholen, versichere ihr, dass sie alles gut und richtig gemacht hat (na ja, bisschen spät, aber okay) und rufe meinen Gefäßchirurgen an.
Die Telefondiagnose war übrigens richtig.

2)
Ich: "St. Josef-Hospital Bochum, zentrale Notaufnahme, Schwester Christina, was kann ich für Sie tun?"
Anrufer, männlich: "Ja, hallo. Ich habe eine Einweisung von meinem Hausarzt bekommen und wollte fragen, ob ich damit zu Ihnen kommen kann." Bis dahin nichts Ungewöhnliches.
Ich: "Worum geht es denn? Also weshalb sollen Sie denn ins Krankenhaus? Dann kann ich ihnen das besser beantworten."
Ein kurzes Schweigen in der Leitung. Mich beschleicht der erste Verdacht, dass das kein gewöhnliches Telefonat wird.
Er: "... Ich spring immer so hoch. Da haben die anderen immer Angst vor mir. Deshalb weiß ich nicht, ob ich da zu Ihnen kommen kann. Weil es haben immer alle Angst."
Das ist der Moment, in dem ich mich freu, dass es keine Videotelefonie ist, da meine Gesichtszüge entgleiten. Sehr zur Erheiterung meiner Kollegen, die allerdings nicht wissen, warum ich so irritiert dreinblicke.
Ich: "Aha... Sie... springen hoch?" Ja was soll man da fragen?
Er: "Ja. Und ich rieche."
Zum Glück sieht der Mann nicht, wie ich das Telefon anblinzle. Ich sammle mich und lege meine zuversichtlichste Stimme auf, die ich habe: "Hm, das klingt für mich nach einem Fall für die LWL. Die haben da Spezialisten für. Die können Ihnen helfen."
Er: "Ja? Ist das weit weg? Ich kann nicht so weit fahren, ich will ja niemanden umbringen."
Manchmal frage ich mich selbst, wie ich bei so etwas vollkommen ruhig und professionell bleiben kann, während ein anderer Teil von mir schon lachend am Boden liegt.
Ich: "Nein nein, das ist von unserer Klinik aus eine Straße weiter. Da kann man super hin laufen." Ich ignoriere gekonnt seinen zweiten Satz und nenne ihm die Adresse.
Er: "Und die haben da keine Angst vor mir? Weil nicht, dass die weglaufen." Der Mann ist ernsthaft besorgt darüber und ich versichere ihm im besten Tonfall, dass diese Klinik (Psychiatrie) bestens für ihn geeignet ist. Ich biete ihm sogar noch an, wenn er mir seinen Namen verrät, dass ich schon mal da anrufe, damit die Bescheid wissen. Dankend nimmt der Mann dieses Angebot an und verabschiedet sich höflich.
Ich lege auf und breche lachend zusammen. Ich brauche eine geschlagene Minute, bis ich die Kollegen in der anderen Klinik anrufen kann, um ihnen von dem Mann zu berichten.
Klinik: "Ach so der, ja. Den kennen wir schon. Danke trotzdem."

 

Geschichten aus der Notaufnahme

Ich arbeitete seit ca. 3 Monaten in der Notaufnahme, war also noch ein Frischling und stand in einem meiner ersten Nachtdienste. Zum Glück ist man da meistens zu dritt! Generell war es in meiner Notaufnahme eher so, dass bis 22 Uhr immer mehr Menschen kamen, die man dann so bis 1 oder 2 Uhr versucht hat abzuarbeiten.
Es ist 1 Uhr nachts und wurde endlich wieder etwas ruhiger. Ich setzte mich an die Anmeldung, um mir das System einmal anzuschauen. Ich bin zwar schon sehr technikaffin, aber das muss man wirklich erst einmal verstehen...

Plötzlich springt neben mir die Tür zum Hinterhof auf (damals ging das noch), ein Mann kommt hereingestürmt, ruft "Helfen Sie mir! Helfen Sie mir, meine Freundin hat versucht sich umzubringen!" und rennt wieder raus. Etwas verdattert schaue ich ihm hinterher, springe auf, greife mir einen Satz Handschuhe und die nächste Ärztin, die gerade des Weges kommt. "Schnell Olga, da draußen braucht jemand Hilfe!"
Also rennen wir beide nach draußen, um eine leblose Person auf dem Beifahrersitz des Autos zu finden. Na ja, ganz so weit kam ich im ersten Moment nicht, da ich geistesgegenwärtig zurück rannte um eine Trage zu holen. Ich komme im Schockraum an, sehe die Frau, die ich schon zwei Stunden dort liegen habe und fordere sie höflich auf das Zimmer zu räumen. ("Sie können laufen, oder? Bitte raus, ich brauche den Raum. Notfall!") Mit der Trage presche ich über den gepflasterten Hof zum Auto, während Olga schon das Reanimationsteam verständigt hat. Wir zerren die Leblose auf die Trage und rasen zurück in den Schockraum. Mein Bauchgefühl schreit schon.

"Ich brauche eine EKG!" gibt die Ärztin mir zu verstehen. Meine Antwort: "Die atmet nicht!" Und beginne mit der Herzdruckmassage. Gefühlte Sekunden später kommen die Kollegen und lösen mich ab, da ich außer Drücken in dem Raum noch keine Hilfe bin. Zu viele Schränke und ich zu wenig Überblick. Dankbar verlasse ich den Raum und versuche mit meinen kläglichen EDV Fähigkeiten irgendwas ins System aufzunehmen, damit man Labor u.ä. anmelden kann. Abseits davon behalte ich so im Blick was mit den restlichen Patienten passiert und ob sich weitere Leute anmelden möchten.

Die Tür vor mir öffnet sich und ein junger Mann, vielleicht 35 Jahre alt, steht vor mir und hält mir eine Versichertenkarte entgegen. Er lächelt mich an. "Ja bitte?" Frage ich etwas verunsichert die Karte betrachtend. "Meine Freundin hat plötzlich Pickel im Gesicht." Während es mir noch gelingt meine Gesichtszüge professionell in ihren Bahnen zu halten bricht mein Sarkasmus mit mir durch. Mit entsprechendem Unterton in meiner höflichen Stimme frage ich: "Wie viele denn?" - "Fünf" bekomme ich strahlend als Antwort. Und dann entgleiten mir meine Gesichtszüge doch noch. "Pickel?... Sonst irgendwie Luftnot, Jucken, Schwellung? Und seit wann?" Kurz muss der Mann nachdenken, wirft nochmal einen Blick durch die Glasscheibe ins Wartezimmer und erklärt mir, dass seine Freundin seit dem Mittag fünf neue Pickel in ihrem Gesicht hätte. Sonst nichts.
"Das dauert. Länger. Nehmen Sie bitte im Wartezimmer Platz."

Das ist der Moment, in dem man sich dezent verarscht vorkommt. Im einen Raum kämpfen die Kollegen vergeblich um das Leben einer Frau, die sich erfolgreich mit Alkohol, Tabletten und Autoabgasen umgebracht hat und dann kommen so Heiopeis wegen Pickeln mitten in der Nacht in die Notaufnahme! Und dann fragen mich die Leute, warum ich Menschen hasse?!

 

Geschichten aus dem Rettungsdienst

Es begab sich zu der Zeit, da ich als studentische Aushilfe im schönen Süden der Republik Rettungsdienst fuhr. Da ich ja Rettungsassistentin bin, war ich also die Verantwortliche auf dem Fahrzeug (RettAss: 2 bzw 3 Jährige Ausbildung mit Staatsexamen. Rettungssanitäter: ca. 3 Monate Lehrgang). Für gewöhnlich ist das ja kein Problem, denn wozu kann ich mir einen Arzt dazu bestellen? An diesem Tag eher nicht.

Die Meldung der Leitstelle hieß: Treppensturz, RTW ohne Notarzt. In Ordnung, kein Problem. Bei so einem Treppensturz haben sich die Leute in der Regel eine Platzwunde geholt, den Kopf ordentlich angeschlagen und wenn es hoch kommt eine Schulter ausgekugelt oder einen Knochen gebrochen. Nichts, was man nicht handhaben könnte.
Mit Blaulicht und Horn fahren also mein Kollege und ich zur Einsatzstelle. Dort angekommen werden wir bereits stutzig. Vor der Haustür steht eine Frau und winkt und fuchtelt mit den Arm. Man kann ja nachvollziehen, dass man dem Rettungsdienst die Suche nach dem Ziel erleichtern möchte, aber wie diese Frau dort stand und fuchtelte war nicht beruhigend. Also stiegen wir aus um der Sache auf den Grund zu gehen.
"Ich habe da im Notruf was falsch gesagt, es tut mir Leid! Mein Mann ist nicht die Treppe runter gefallen." Wir betrachten die Frau mit unserer Ausrüstung in der Hand fragend: "Sondern?"
"Er ist vom Balkon gefallen!" Schlagartig ändert sich die Situation für uns. Aber wir wären nicht der Rettungsdienst, wenn wir nicht auch dabei die Ruhe bewahren würden. "Und wo ist Ihr Mann jetzt?" - "Der sitzt in der Küche."

Sichtlich schockiert eile ich in die Küche, mein Kollege hinterher. Dort sitzt ein Mann mittleren Alters auf einem Stuhl, blass wie die Wand und starrt auf seinen deformierten Zeigefinger. Kurze Absprache zwischen meinem Kollegen und mir, ich beginne beim Patienten und er schaut sich die Unfallstelle an und holt weitere Ausrüstung.
"Guten Tag, Decken vom Rettungsdienst. Was ist denn passiert?" Diese Frage, so offensichtlich sie manchmal sein mag, hilft ungemein um einzuschätzen in welchem Zustand sich der Patient befindet.
"Mein Finger ist gebrochen..." stammelt der Mann und starrt weiter gebannt auf den umgekehrten Knick seines Fingergelenkes. "Guter Mann, ihr Finger ist gerade ihre geringste Sorge. Was ist passiert?" Frage ich nun eindringlicher und bekomme auch eine Antwort, während ich schon mit meinen Maßnahmen beginne.
Also er wollte Blumenkästen aufhängen und hatte an der Halterung geschraubt. Dabei hätte er Übergewicht bekommen und sei vom Balkon gefallen. Na ja, und dann sei er aufgestanden und hier hoch in die Küche gelaufen. Etwas entsetzt lausche ich dem Ganzen, bis mein Kollege zurückkommt. Dieser berichtet dazu, dass es bestimmt 4-5 Meter seien, die der Mann gefallen sei und er hätte einen Gartentisch beim Sturz zertrümmert. Aber das sei nicht das Problem. Meine Augenbraue wandert erwartungsvoll und verunsichert zugleich nach oben. "Na ja, ich habe die Leitstelle angefunkt. Unser Doktor ist im Nachbarkreis, weil der auch draußen ist und der Heli ist eben auf die Autobahn."

Mein Gehirn schaltet innerhalb von Sekunden. Man hatte uns in der Schule beigebracht, dass für diesen Fall gilt: Du darfst und sollst alles tun, was du kannst und diesem Menschen das Leben rettet. "Ich kann auch zum Auto laufen." reißt mich die Stimme des Patienten zurück in die Gegenwart. "Sie laufen nirgends mehr hin! Wir packen Sie jetzt auf diese Trage und fahren sie ins Krankenhaus." Gesagt, getan. Gut verpackt mit diversen Kabeln und Schläuchen sind wir im Auto und eilen in die nächste Klinik, die ich unterwegs anrufe: "Sind in circa 10 Minuten mit einem Sturz aus etwa 5 Metern Höhe bei euch. Habe keinen Notarzt! Macht den Schockraum klar."
Jetzt muss man dazu wissen, dass die nächste Klinik mehr so ein Feld-Wald-Wiesen-Haus ist und nicht für seine unglaublich tolle Notaufnahme bekannt ist. Aber kaum, dass wir in der Fahrzeughalle zum Stehen kommen reißt ein Arzt die Hecktür auf und schaut mich fragend an. "Wo ist denn der Kollege?!" Ich schaue mindestens genauso fragend zurück: "Welcher Kollege?" - "Na der Kollege!" fährt der Arzt mich regelrecht an. Ich bin noch irritierter und antworte: "Äh, der ist gefahren?"
"Seit wann fährt denn der Notarzt?" Der Ton ist fast schon beleidigend. Aber endlich trifft ich der Schlag der Erkenntnis: "Ich habe keinen Notarzt! Darum sind wir hier. Und jetzt ausladen! Los!" Ich bekomme auf dem Weg zum Schockraum weitere belanglose Vorwürfe, wie ich so einen Patienten ohne Arzt fahren könnte und was mir überhaupt einfallen würde. Aber das interessiert mich nicht. Die Pflegekräfte und die Anästhesie, die bereit steht zum Glück genauso wenig. Der Mann wird umgeladen und damit der Versorgung der Klinik übergeben. Wir sammeln unsere Sachen zusammen und gehen zum Auto. Jetzt erst beginnt mein Körper zu zittern.

Später stellte sich heraus, dass der Mann drei Brustwirbel gebrochen hatte, eine Rippenserienfraktur (drei oder mehr angrenzende Rippen gebrochen), die Leber rupturiert, die Nieren geprellt, eine saftige Gehirnerschütterung UND den Finger luxiert. Nach einer Notoperation konnte er weiter verlegt werden und hat es gut überstanden.